molitor & kuzmin

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Jürgen Kisters KUNST-LICHT-SEHEN oder: Fragmente zur Poesie des Leuchtens (Auszug) Ausstellung Kunstmuseum Villa Zanders 2010


molitor & kuzmin sind keine Lichtkünstler, sie machen Kunst mit Licht.

In der Malerei wird mit Farben das Licht eingefangen. Die Wirkung des Lichtes - ob als Tageslicht oder durch Lampen - bestimmt die Sichtbarkeit dieser Kunst. Die Kunst mit Lampen - in Form von Neon- oder Leuchtstoffröhren, Glühbirnen, Halogenlampen oder flackernden Bildschirmen - lässt Licht entstehen. Die Wirkung des Lichts ist die Kunst. (...mehr)
Von Anfang an haben moliltor & muzmin ihre Kunst auf die Lichtelemente Leuchtstoffröhre und Neonröhre beschränkt. Die Reduzierung auf diese zwei Lichtmodule als bewusste Entscheidung, um mit reduzierten Mitteln die Klarheit zu erhöhen. Wie ein Zeichner oder Maler, der sich ganz auf die Farben Schwarz und Weiß konzentriert. Und um durch keine Spielerei die grundlegenden Ambivalenz zu verwischen: der Kontrast von Helligkeit und Dunkelheit, das Prinzip von Licht und Schatten, der Wechsel von Grellheit und Sanftheit. Und um durch keinen Schnörkel vom der zentralen Gegenstand anzulenken: dem Licht der modernen Industriegesellschaft, ein Licht zwischen Nüchternheit und Poesie, Banalität und Offenbarung.

Das Leuchtstofflicht zeigt: die Unwirklichkeit der Künstlichkeit ist wirklich. In der Leuchtstoffröhre ist das Licht ein materielles Objekt und ein immaterielles Ereignis zugleich.

Ursprünglich sind Leuchtstoffröhren und Neonlampen Phänomene der Großstadt, auch wenn sich die Phänomene der Großstadt längst über das ganze Land und die meisten Länder der Welt ausgedehnt haben. Lange Ketten von Leuchtstoffröhren erleuchteten seit Beginn des 20. Jahrhunderts die riesigen Produktionshallen der Fabriken, in denen die Maschinen 24 Stunden lang in Bewegung blieben und ein "Heer" arbeitender Menschen einen neuen Lebensrhythmus diktierten. Sie haben das Arbeiten und damit das Leben der Menschen grundlegend verändert und neu geprägt. Leuchtstoffröhren brachten seitdem eine nie gekannte Helligkeit in Fabriken und große Büroetagen, und sie erleuchteten Schaufenster und ausgewählte Plätze auch über das Einziehen der Dunkelheit hinaus. Neonröhren wiederum sorgten nicht nur in Straßenlaternen, sondern auch in Form weißer und farbiger Werbe-Schriftzüge über Geschäften, Handwerksbetrieben und Kaufhäusern für eine neue "Möblierung" der Großstädte. Leuchtstoffröhren und Neonlicht haben innerhalb weniger Jahre die Innenräume und die Außenräume der Großstadt verändert und grundlegend geprägt. Sie haben das Licht der modernen Industrie- und Konsumgesellschaft geschaffen, sind gleichermaßen ihr alltäglichster Gegenstand und ihr Symbol. Und auf all das nimmt die Kunst von molitor & kuzmin unweigerlich Bezug. In einer ihrer Skulpturen ragen an- und ausgeschaltete Leuchtstoffröhren aus gestapelten Lagerungskästen heraus und bringen neben der zweckmäßigen Seite auch die ästhetische Dimension der Industriekultur in den Blick. Ähnlich die Skulptur aus geschwungenen Neonröhren, die an den Kleiderhaken über der Sitzbank aus einer Umkleidekabine hängen. In wieder einer Skulptur "wächst" eine Leuchtstoffröhre durch einen Stahlträger hindurch. Gegen die materiale Undurchdringlichkeit des harten Eisens wird die immaterielle Leichtigkeit und Energie der Lichts gesetzt, gegen die Anfassbarkeit materialer Tatsachen die Unfassbarkeit der Phantasie: als Kontrast und als zwei Wirksamkeiten einer Wirklichkeit. Jede von molitor & kuzmin im Kunstwerk verwendete Leuchtstoffröhre bringt zum Ausdruck: hinter jedem realen Ding steht ein geträumtes.

Anders als das Licht des Sonnenlichts, das flirrende Luft bleibt, hat das Licht in Röhren sogar einen Körper und ist greifbar.

Im leisen Sirren der Leuchtstoffröhren hat das Licht sogar einen Klang.

Und: mit dem Leuchten der Leuchtstoffröhren erscheint Weiß plötzlich als die Farbe des Lichts.

Es ist nur folgerichtig, dass molitor & kuzmin ihre Kunst vorwiegend in Städten präsentieren. Im Neuen Rathaus in Lüdenscheid platzierten sie einen Schuttcontainer voller Leuchtstoffröhren, gewaltig in seiner Präsenz, viel-deutig in seinen Bezügen. Im Leopold-Hoesch-Museum in Düren ließen sie Licht in Form von Leuchtstoffröhren aus der Decke fallen und zu einen Parcours aus Licht-Stäben erstarren. In das Innere eines historischen Stadttors in der Altstadt von Padua setzten sie in Gerüst aus Licht-Gestängen hinein, um die Baukunst des Steins mit der Baukunst des Lichts zu konfrontieren. Im alten Gemäuer des Römerturms im Zentrum von Kölns ließen sie Lichtstangen explosionsartig in alle Richtungen strahlen, imposant in der Konstruktion, verwirrend in der Wirkung. In einem ehemaligen Industriegebiet in Köln-Mülheim, wo sich in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts eines der größten Industriezentren Deutschlands befand, richteten sie für einige Monate sogar ein ganzes Lichtmuseum ein: mit Lichtkörpern in Holzkisten, einer in der Mauer endenden Leuchttreppe und leuchtenden Objekten in allen Variationen. In dem von außen einsehbaren Dachgiebel des 24-Stunden-Kunstmuseums in Celle führten sie die Architektur des Lichts als eine Struktur aus Trägern, Strömen und Schwingungen vor Augen. Und in einem ausgebrannten Gebäudetrakt im Architekturmuseum in Moskau schufen sie eine Zone aus Licht-Spuren und Licht-Fallen, in dem die Richtungen des Lichtes ohne Ausweg blieben. Überall beginnt die Kunst von Molitor & Kuzmin mit einem Leuchten. Grell oder sanft. Wie ein plötzlicher Überfall oder wie das behutsam ins Unermessliche wachsende Versprechen der nahen fernen Mondes. Das Leuchten ihrer Kunst weist den Weg oder wird zum Hindernis, es führt in Lichtungen und in Schattungen. Dorthin, wo das Leuchten voller Ruhe ist. Und dorthin, wo das Leuchten ein unruhiges Flimmern ist.

Licht macht die Dinge hell, ist Medium der Erkenntnis, heißt es. Genauso gilt, dass ein Leuchten die Dinge in das Licht des Geheimnisses tauchen kann. Nuancen der Helligkeit entscheiden über das, was wir empfinden und denken. Entscheiden über das, was uns gewiss und was uns ungewiss erscheint. Licht macht nicht alles sichtbar; es macht vielmehr auch sichtbar, dass sich etwas verbirgt.

Licht ist ein Phänomen im Raum. Genau das spüren wir über die Skulpturen von molitor & kuzmin. Zwischen Boden und Decke machen sie mit plastischen und malerischen Lichtmarkierungen die Begrenzung des Raumes spürbar. Und mit leuchtenden, hoch in den Himmel ragenden Türmen lassen sie das Licht in den Raum der Unendlichkeit verströmen. Licht durchmisst den Raum. Licht berührt nicht nur die Augen, sondern den ganzen Körper, der immer ein Körper im Raum und in Bewegung ist. Auch wenn der Körper und der Raum bisweilen für Momente still zu stehen scheinen. Es gibt Räume, die das Licht abhalten, die völlig dunkel sind. Der Raum ist im Licht ein anderer als in der völligen Dunkelheit. Der Wirkung des Lichtes kann man sich nicht entziehen, selbst wenn man die Augen schließt.

Wenn man Licht betrachtet, wird sich die Wahrnehmung ihrer selbst bewusst. Licht, sonst selbstverständliche Voraussetzung des Sehens, wird zum Gegenstand des Sehens, und das führt für einen kurzen Augenblick zu einer Irritation.

Die Skulpturen von molitor & kuzmin sind in ihrer Helligkeit ein Ort der Verführung und der Irritation. Keine Spur davon, dass mit ihrem Licht die Erkenntnis wie von selber wächst. Licht ist ein ambivalentes Phänomen. Ein Phänomen, das zwischen den Dingen stattfindet. Zwischen Sichtbarmachung und Geheimnis, zwischen Erscheinen und Verschwinden, Wärme und Kälte, materiell und immateriell.

Dann wieder: das helle, gleißende Licht in der Konzentration von Leuchtstoffröhren und Neonlicht ist schwer zu ertragen. Es führt die Augen der Betrachter an den Rand ihrer Sehmöglichkeiten, an den Rand der Aushaltbarkeit von Licht, fast bis zum Schmerz. Beinahe wie beim direkten Blick in die Sonne. Schon van Gogh schrieb in seinen Briefen an seinen Bruder Theo, dass er, der im Licht Hollands aufgewachsen war, das grelle Sonnenlicht des Südens kaum ertragen konnte. Zugleich hat dieses Licht ihn die Farben sehen lassen wie nie zuvor. Um es noch einmal zu sagen: Die Kraft des Lichts ist ambivalent. Wie alles, möchte man relativierend hinzufügen. Um dann wieder einzuwenden, dass Licht etwas Einzigartiges ist, mit nichts anderem zu vergleichen.

Auch im Phänomen der unerträglichen Helligkeit "imitiert" das künstliche Licht das Licht der Sonne.

molitor & kuzmin schaffen verschiedene Zustände des künstlichen Lichtes in ihren Skulpturen: Licht-Akkumulation. Licht-Bündelung. Licht-Linien. Licht-Ströme. Licht-Hauch.

In wieder anderen Objekten kombinieren die Künstler die kraftvoll ausstrahlende Helligkeit von Lichtröhren mit der Undurchdringlichkeit von Bleiumhüllungen. Sie selber sprechen vom "verborgenen Licht". Nicht das Miteinander der Dinge gerät in diesen Skulpturen, Objekten, Reliefbildern in den Blick, sondern ihre Ambivalenz und ihr Gegeneinander. So wie das eine das andere durchdringen kann, kann das eine das andere auch eingrenzen, verdecken und sogar zum Verschwinden bringen.

Mit dem Leuchten der Skulpturen von kuzmin & molitor wird die ganze Energie des künstlich erzeugten Lichts vor Augen geführt. Gleichzeitig wird allerdings auch der ganze Verbrauch an Energie thematisiert, der zur Erzeugung dieser Energie nötig ist. Was steht hinter dieser Energie, diesem Licht, diesem Leuchten, so wie hinter der Kraft des Tageslicht die unerschöpfliche Energie der Sonne steht. Kurzum: hinter der Kraft und dem Zauber des künstlichen Lichts steht die nüchterne Wirklichkeit gewaltiger Kohlekraftwerke, Atomkraftwerke, Wind- oder Solarenergie-Anlagen. Künstliches Licht ist nicht einfach da, sondern muss mittels Strom erzeugt werden. Die Art dieser Erzeugung sollte ebenso eine Frage wert sein wie die Menge der benötigten Elektrizität. Wie viel künstliches Licht und damit verbunden wie viel mit Elektrizität betriebene Technik braucht eine Kultur? Wie viel will sich leisten? Und wie viel kann sie sich im 21. Jahrhundert noch leisten, ohne sich selbst zu gefährden? Angesichts der gewaltigen Größe einiger ihrer Licht-Installationen wird neben der visuellen Faszination früher oder später die Frage nach der Quelle des Leuchtens unvermeidlich. Anders gesagt: die Kunst von molitor & kuzmin geht direkt aus dem Alltag der (post)modernen Kultur hervor und wieder in sie hinein. Die Energie ist die heilige Kuh der modernen Industrie-, Konsum- und digitalen Medien-Kultur, die allein aus Öl und Elektrizität besteht, und die in ihrer ganzen leuchtend-strotzenden Kraft ziemlich entstellt dasteht. Diese ebenso simple wie hochkomplexe Tatsache des modernen Alltags ist den meisten Menschen nicht bewusst, wenn sie in Kunstlicht durchfluteten Räumen sitzen oder durch hell erleuchtete Straßen fahren. Und nicht einmal dann, wenn sie selber auf den Lichtschalter drücken. So bringen molitor & kuzmin mit ihrer Kunst neben der magisch-poetischen Dimension auch die ökonomisch-politische Dimension der Licht- und Energieerzeugung in den Blick. Indem sie einerseits das künstliche Licht in ihrer ganzen Schönheit, Kraft und Poesie feiern, scheinen ihre Kunstwerke andererseits bereits das Ende eines noch andauernden Zeitalters anzukündigen, in dem viel zu viel Energie verbraucht wird. Und in dem der Kult des hellen Kunstlichtes das Gespür für die natürlichen Nuancen des Lichts nachhaltig durcheinander gebracht hat. Während die Skulpturen von molitor & kuzmin noch ganz von der Euphorie moderner Energie- und Lichterzeugung beflügelt sind, wohnt ihnen zugleich eine seltsame Melancholie inne. Eine Ahnung, dass die von künstlichem Licht getragene Kultur der Moderne ihre Leichtigkeit bereits verloren hat und sogar untergehen könnte. Leuchtet in ihrem Licht-Zauber nicht der Geist des ausgehenden Industriezeitalters und das Ende seiner von Technisierung getragen Fortschrittsutopie? Oder leuchtet aus ihnen allein der ganze Optimismus einer hochtechnisierten Medien- und Konsumkultur, die auf den Fortbestand ihrer ewigen Gegenwart vertraut?

Man kann noch einen analytischen Gedanken weitergehen. Solange überall im öffentlichen Raum die ganze Nacht lang die Leuchtstoffröhren und Neonlichter leuchten, führen wir uns vor Augen, dass der Energiefluss der modernen Konsumkultur gesichert ist und sein System funktioniert. Die Helligkeit der Leuchtstoffröhren und Neonlichter in der Dunkelheit gehört zu den Mythen des Alltags, die das moderne Selbstverständnis mit einer einfachen Geschichte des Leuchtens bestätigen. Sie sind das, was in der früheren Zeit barocke Architekturelemente, der Goldschmuck und die Juwelen der höfischen Ordnung waren. Der Lichtzauber der Leuchtstoffröhren und Neonlichter ist Ausdruck einer demokratischen Gesellschaftsordnung, was allerdings nicht heißt, dass hinter dem Licht oder in seinem Schatten nicht handfeste Interessen den Lauf des Systems bestimmten. Die Skulpturen von molitor & kuzmin handeln auch von diesem Mythos; sie bestätigen seine Erzählung, indem sie zugleich dazu beitragen, ihn zu ergründen.

Plötzlicher Gedanke: das Land der Moderne ist schwarz vor lauter elektrischem Licht.

Das Licht ist immer auch eine Metapher.

Mit einer Skulptur aus Leuchtstoffröhren zwischen Euro-Paletten schicken molitor & kuzmin das Licht auf Reisen. Die Verpackung der Skulptur, von denen in der Präsentation lediglich die Seitwände abgenommen werden, ist zugleich die Skulptur. Das ist ein ebenso einfaches wie gewitztes Konzept. Die Idee der Lichtgeschwindigkeit wird verbunden mit der Idee einer mobilen, globalisierten Gesellschaft, in der die Waren als Frachtgut hin und her geschickt werden, auf kurze und lange Entfernungen, rund um die Welt. Licht erscheint in der Verpackung der Warengesellschaft, und Licht erscheint als magischer Zauber, der die Systeme der Warengesellschaft sprengt. Und zwischen den schweren Holzpaletten wird in Form der dünnen Röhren aus Glas das Phänomen der Zerbrechlichkeit sichtbar.

Ein Schlag ließe das Leuchten zerbrechen, feine weiße Scherben am Boden, und Gas, das sich in der Luft verflüchtigt

In ihren Skulpturen, Objekten und Raum-Installationen verbergen molitor & kuzmin jede persönliche Note. Nichts Individuelles ist darin zu erkennen, weder Pathos noch persönliche Betroffenheit. Kein einziger direkter Hinweis auf eine persönliche Geschichte. Und doch steckt die ganze Erfahrung zweier Lebensgeschichten darin. Erlebnisse mit Licht, geprägt von Kindesbeinen an. Wissen über Licht, entstanden aus beiläufigen Beobachtungen, gezielten Forschungen und künstlerischen Experimenten. Und vor allem steckt ihre Liebe zum Licht darin, und das Verlangen, seine poetische und seine symbolische Dimension zu ergründen. Die Skulpturen von molitor & kuzmin sind Ausdruck eines technischen Zeitalters, ohne technisch zu sein.

Das Licht der Industriekultur wird in den Skulpturen und Objekten von molitor & kuzmin befreit aus der Umklammerung durch die Funktion. Und die Kunst wiederum wird befreit aus ihrer Bindung an das sich individuell präsentierende Subjekt.

Im Angesicht von verkanteten, ineinander verschachtelten Formen, von Überschneidungen, Brüchen und tückischen Gleichgewichtskonstruktionen, wird meist das Prinzip der "Dekonstruktion" genannt, das der französische Philosoph Jacques Derrida geprägt hat. Es bezeichnet die Untersuchung bestehender Traditionen, Strukturen, Systeme und Identitäten durch eine radikale Zerlegung ihrer Elemente. Indem molitor & kuzmin die Leuchtstoffröhren a us den Strukturen ihrer Deckenfassungen herausnehmen und in neue strukturelle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten hineinbringen, folgen sie diesem Prinzip. Kunstbetrachter sehnen sich nach Erklärungen in Begriffen, aber tatsächlich erklären die Begriffe nichts. Begriffe legen die Anschauung leicht still; genau das sollte vermieden werden.

Wenn vom Licht vom Licht die Rede ist, sollte das Höhlengleichnis des antiken griechischen Philosophen Platon nicht unerwähnt bleiben. Weil darin das unauflösbare Wechselspiel von Licht und Schatten Thema ist. Das Wechselspiel von Erkennen und Nicht-Erkennen. Und die Frage, ob den Dingen ein unumstößliches Wesen zugrunde liegt, eine Idee, ein Muster, von denen wir, die Menschen, nur unterschiedliche Erscheinungen sehen und begreifen können. Das Licht, so sagt das Gleichnis, legt die Schatten fest. Jahrhunderte lang beschäftigten sich die Philosophen vor allem mit dem Verhältnis der ursprünglichen Dinge (Ideen genannt), und ihren Schatten, den Abbildern. Vorangetrieben von der fixen Idee, das "Eigentliche" doch e"Eigentliche" rkennen und sich aus dem Schein befreien zu können, zogen unzählige Philosophen das Gleichnis immer wieder heran, um das Verhältnis von Wirklichkeit und Abbild dem wahren und dem falschen Leben, zu theoretisieren. Unbestritten blieb ihr Gedanke, dass das helle Licht außerhalb der Höhle mehr Erkenntnis bringe als das dunkle Licht innerhalb der Höhle, in der wir, die Menschen, leben. Kein Gedanke allerdings daran, dass der Blick auf die Ur-Dinge im hellen Licht auch nicht mehr ist als eine Erscheinung. Tatsachen und Abbilder, Wahrheiten und Täuschungen, beides sind Wirksamkeiten. Beim Nachdenken über das eine und das andere wurde das Dritte, das Licht, gewöhnlich unterschätzt und zum bloßen Mittel erklärt. Dabei ist das Höhlengleichnis vor allem eine Geschichte von der Wirksamkeit des Lichtes, seiner unterschiedlichen Erscheinungsformen, seines Angriffs und seiner Zurücknahme, seiner Magie.

Ursula Molitor und Vladimir Kuzmin schaffen mit ihrer Raum-Inszenierung ein (post-)modernes Höhlengleichnis. Und warum soll man Platon lesen, wenn uns auch die Licht-Skulpturen von molitor & kuzmin eine andere Welt erahnen lassen.

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